„Tschernobyl ist eine tickende Zeitbombe“

07. Juni 2018

Interview mit Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen

Dr. med. Martina Wenker ist Fachärztin für Innere Medizin mit Schwerpunkt Lungen- und Bronchialheilkunde mit Zusatzqualifikation Umweltmedizin und Oberärztin in der Helios Lungenklinik Diekholzen bei Hildesheim. Seit 2006 ist sie Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, seit 2007 Mitglied im Kuratorium der Stiftung des Landes Niedersachsen „Kinder von Tschernobyl“ und war von 2007 bis 2013 Vorsitzende der Landesstiftung.

Frau Dr. Wenker: Am 26. April 1986 ereignete sich der schwere Reaktorunfall im Atomkraftwerk von Tschernobyl und erschütterte die Menschen in aller Welt. Wie schlimm sind die gesundheitlichen Folgen? Heute Bilanz zu ziehen, ist nicht seriös – oder?

Mit dem heutigen Tag können wir allenfalls eine erste, bedrückende Zwischenbilanz ziehen, denn mehr als 30 Jahre nach dem Super-Gau sind die Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung weiterhin gigantisch. Seit 1990 verzeichnen die betroffenen Staaten einen rasanten Anstieg von Schilddrüsenkrebs – vor allem bei Kindern. Allein im belarussischen Tumorzentrum in Minsk werden über 37.000 Patienten (!) mit Zustand nach Schilddrüsencarcinom nachbetreut.

Die Säuglings- und Kindersterblichkeit hat stark zugenommen. Viele Kinder leiden unter Magen-Darm-Erkankungen, Bronchial- oder Bluterkrankungen, Erkrankungen des Herzens sowie Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit). Nach wie vor treffen wir in den Kliniken aber auch auf eine deutlich erhöhte Zahl von anderweitigen Tumorerkrankungen, z.B. eine hohe Rate von Brustkrebs bei z.T. noch sehr jungen Frauen. Angeborene Fehlbildungen treten weiter erhöht auf, die Zahl von auffälligen Schwangerschaften bzw. Frühaborten ist weiter hoch. Daneben gibt es eine deutliche Häufung von sog. Autoimmunerkrankungen, von endokrinologischen Erkankungen sowie von psychischen und psychiatrischen Problemen.

Wie sehen Sie die Folgen von Tschernobyl auf lange Sicht?

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist eine tickende Zeitbombe. In den vom radioaktiven Fallout betroffenen Gebieten wohnen ca. 1,6 Millionen Menschen, davon 420.000 Kinder und Jugendliche. Wissenschaftler erwarten, dass es in den nächsten Jahrzehnten einen weiteren starken Anstieg von Krebserkrankungen – insbesondere Organ- und Skelettkrebs – geben wird. Ein wesentlicher Grund hierfür ist die anhaltende Verseuchung des Erdbodens mit z.T. langlebigen radioaktiven Substanzen, welche fortgesetzt über die Nahrungsmittel in den menschlichen Körper gelangen.

Wie schätzen Sie als Ärztin das Projekt ein: Was bedeutet die Zeit in Niedersachsen bei Gasteltern für die Gesundheit der Kinder?

Zweck der Landesstiftung „Kinder von Tschernobyl“ und der kirchlichen Aktion „Hilfe für Tschernobylkinder“ ist es, vor allem medizinische Hilfe für strahlengeschädigte Kinder aus der Ukraine, Belarus und den angrenzenden Gebieten Russlands vor Ort zu gewähren. Schwerpunkt der Arbeit ist die Verbesserung der Früherkennung und Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern durch Bereitstellung von modernen Ultraschallgeräten und regelmäßige Durchführung von ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen in den am schwersten und am nachhaltigsten betroffenen Regionen. Zahlreiche Tschernobyl-Initiativen organisieren auch weiterhin regelmäßig Erholungszeiten für die Kinder von Tschernobyl in den Ferien hier in Niedersachsen. Saubere Luft und eine ausgewogene Ernährung mit von radioaktiven Substanzen unbelasteten Lebensmitteln sind wichtige Faktoren für eine körperliche und seelische Erholungsphase der Kinder.

Die Fragen stellte Jan von Lingen. Ein aktuelles Foto von Frau Dr. Wenker finden Sie auf der Website der Ärztekammer Niedersachsen unter: ÄKN / Kommunikation / Pressefotos.

Tschernobyl – Zahlen, Daten, Fakten

Am 26. April 1986 ereignete sich der schwere Reaktorunfall in Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl und erschütterte die Menschen in aller Welt. Eine atomare Wolke breitete sich über weiten Teilen Europas aus. In Deutschland wurde den Kindern untersagt, im Sandkasten zu spielen, im See zu baden und bei Regen nach draußen zu gehen. Salat und Gemüse aus Gärten wurden untergepflügt, Milch weggeschüttet. Die Becquerel-Werte für Lebensmittel standen täglich in der Zeitung. Heute ist dies alles fast vergessen.

Die Folgen dieser atomaren Katastrophe werden niemals verschwinden. Dies gilt vor allem für die an Tschernobyl grenzenden Länder Russland, Ukraine und Weißrussland. 65 bis 70% der ausgetretenen radioaktiven Stoffe gingen auf dem Gebiet von Weißrussland nieder, 22% der Fläche, auf der etwa ein Fünftel der Einwohnerschaft lebt, wurden langfristig radioaktiv verseucht.

Die Folgen dieser radioaktiven Verstrahlung sind gravierend und lebensbedrohend. Viele Menschen sind inzwischen z. B. an Schilddrüsenkrebs, Magen-Darm-Erkrankungen, Herz- und Bluterkrankungen, Leukämie, Brustkrebs und Organ-Krebs-Erkrankungen, Jugend-Diabetes und Immunschwächen erkrankt. Besonders betroffen sind die Säuglinge und Kinder, die in dieser verstrahlten Umwelt geboren werden und aufwachsen. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit hat zugenommen, ebenso sind vermehrt Missbildungen oder Totgeburten festzustellen. Und die Zahl der Erkrankungen steigt weiter an.
 
Der negative Höhepunkt ist nach der Meinung von Experten noch lange nicht erreicht, weil die Langzeitfolgen der Verstrahlung kaum abzuschätzen sind und erst allmählich sichtbar werden.
Besonders belastet von der radioaktiven Verstrahlung ist das Gebiet Gomel im Südosten Weißrusslands, in unmittelbarer Nähe zu dem an der weißrussisch-ukrainischen Grenze gelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl. Deshalb wird den Menschen und vor allem den Kindern in diesem Gebiet seit 1991 die Hilfe und Unterstützung seitens der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, vor allem von zahlreichen ehrenamtlich aktiven Frauen und Männern aus den Kirchengemeinden und Kirchenkreisen unserer Landeskirche zuteil.

Die Tschernobyl-Hilfe der Landeskirche ist seit 1994 in Form einer Arbeitsgemeinschaft organisiert, in der mittlerweile 28 Kirchenkreise Mitglied sind. Die sich Jahr für Jahr verstärkenden, negativen gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe für die Menschen in Weißrussland und die anhaltenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Weißrussland machen die Hilfe vor allem für die Kinder im Oblast Gomel weiterhin dringend erforderlich.