Wort zum Sonntag, HNA am 24.05.2018

24. Mai 2018

Leistung, Erfolg und die wahren „Meister der Herzen“

 

Die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft wird es wohl wiederum besonders deutlich zeigen: Der Wettkampfcharakter des Sports kann zur Verwechslung zwischen Leistung und Erfolg verführen. Der „Leistungssport“ müsste eigentlich „Erfolgssport“ heißen. Es genügt nicht, gut zu sein; entscheidend ist es, besser zu sein. Nicht die jeweilige besondere, auf die konkreten Bedingungen und Begrenztheiten des Einzelnen bezogene Leistung wird gewürdigt, sondern der Erfolg über andere wird prämiert. So gerät - und das ist nicht nur im Sport so - das gesamte menschliche Leben unter das Diktat des Erfolgs. Wo nicht die Leistung, sondern der Erfolg zählt, regiert die Frage: „Woran lag's?“ - die berühmte Reporterfrage an die Zweitplazierten. Ein Sportler kann antworten: „Es lag daran, dass Gott mir genau die Gaben gegeben hat, die meine Mannschaft und mich heute zweiter Sieger werden ließen.“

Etwas zu leisten heißt, etwas im Rahmen seiner Möglichkeiten gut zu machen - mit den Gaben, die jeden Menschen (und jedes Tier) ein einmaliges, unverwechselbares Lebewesen sein lassen. Der sportliche Wettbewerb ist ein Gradmesser dafür: Haben wir, gemessen an den eigenen Möglichkeiten wie den Möglichkeiten anderer mit vergleichbaren Voraussetzungen, etwas gut gemacht? Sind wir mit unseren eigenen Grenzen produktiv und kreativ umgegangen? Wer „Leistung“ so versteht, kann die sportlichen Leistungen von Behinderten genauso würdigen wie diejenigen von körperlich Unversehrten, die von Verlierern wie die von Siegern. Menschlich bleibt der Sport nur, wenn er sich dem Sog des Konkurrenzdenkens nicht vollständig ausliefert, sondern zu ihm Abstand gewinnt. Für den kommerziellen Erfolgssport ist dieser Wunsch wohl illusorisch. Aber dafür sehe ich am ehesten dort Chancen, wo das Sporttreiben eingebettet ist in die Vielfalt von Aktivitäten, die in Sportvereinen miteinander verbunden sind. Deshalb freue ich mich auch schon auf die Zeit nach der Fußball-Weltmeisterschaft, wo ich das auch bei uns werde erleben können.

Und ich will das mir Mögliche tun, dass unsere Gesellschaft nicht meint, eine Erfolgsgesellschaft werden zu müssen, sondern eine Leistungsgesellschaft wird, in der das Bemühen von Einzelnen und Gruppen zählt und nicht das Übertrumpfen der Anderen. Denn nur so bleibt die von Gott verliehene menschliche Würde gewahrt.

Bei allem Respekt vor sportlichen Leistungen: Viel größeren Respekt als vor Erfolgssportlern habe ich vor pflegenden Menschen. Sie vollbringen tagaus-tagein körperliche und seelische Höchstleistungen, die oft kaum jemand wahrnimmt und würdigt: Im Einsatz für pflegebedürftige Menschen, die auf diese viele Hilfe angewiesen sind - seien es Angehörige oder Ihnen beruflich Anvertraute. Die so Tätigen verdienen, die wahren „Meister der Herzen“ genannt zu werden.

 

Burkhard Stimpel ist Pastor an der Johannis-Kirche in Uslar

Pastor Burkhard Stimpel
Pastor Burkhard Stimpel