Vogelbeck

Foto: Jan von Lingen

Foto: Yvonne Guschke-Weinert

Foto: Yvonne Guschke-Weinert

Orgel

Foto: Jan von Lingen

Kindergottesdienst

Kindergottesdienst

Pastor-kreuzt

Foto: Jan von Lingen

„Kleine Lebenskreise“ sind Kraftorte

16. Juli 2020

Gedanken zu einem „anderen“ Sommer
von Jan von Lingen

Vor einigen Tagen bin ich wieder Zug gefahren. Er war fast leer.
Dann bin ich durch Hannover gegangen. Viele Menschen trugen Maske.
In den Geschäften sah ich die Ware mit dem Aushang: 50% Sale.
Und dann noch einmal 30% auf bereits reduzierte Ware.
Dann wollte ich ins Haus Kirchlicher Dienste.
Die Haustür, die sonst immer offen ist, war verschlossen.
Dort traf ich Mitarbeitende. Das erste Mal seit vier Monaten.
Wir grüßten einander mit Winken, dem Fuß, dem Ellenbogen.
Wir aßen miteinander – jeder bekam eine eigene Verpackung mit Essen.
Aber immerhin – wir sahen einander endlich mal wieder. Manche haben erzählt von ungeduldigen Kindern, schwierigem Homeoffice, der Decke, die dem oder anderen auf den Kopf fällt. Während wir redeten, trugen wir Maske.

Die Corona-Krise verändert die Welt. Niemand kann sich entziehen. Die „großen Lebenskreise“ sind in die Krise geraten. Nicht nur die Bahnfahrten, Geschäfte oder die Arbeit sind betroffen.

Beispiel Globale Politik: Die Politik weltweit ist nicht einig und mancherorts überfordert oder nicht handlungsfähig wie in Brasilien oder in den USA. In einigen Ländern sehen wir Ausschreitungen wegen der Einschränkungen und Angriffe auf Polizisten. Die EU unter deutscher Präsidentschaft ist ein Hoffnungszeichen... – was für eine Verantwortung! Und was wird aus Afrika und Südamerika?

Beispiel Märkte: Wir hatten geglaubt, die Märkte wären stabil und sie würden sich selbst regulieren. In Folge der Corona-Krise geraten wir eine Wirtschafts- und Finanzkrise. Mächtige Rettungsschirme werden gespannt. Gut, dass jetzt auch kleine und mittlere Unternehmen unterstützt werden. Aber wer kann jemals die Kosten tragen?

Beispiel Weltgesundheit. Viele Krankheiten waren durch Impfungen zurückgedrängt. Aber wer hätte gedacht, dass so ein kleines Virus die gesamte Welt in die Knie zwingt? Die Weltgesundheitsorganisation ist nun ohne den Geldgeber USA. Wann wird ein Medikament da sein oder gar ein Impfstoff?

Globale Politik, Märkte, Weltgesundheit: Drei große Sicherheiten sind ins Wanken geraten. Gestern lebten wir in einer global vernetzten Welt. Jetzt leben wir Tür an Tür mit anderen, die ebenfalls Sicherheit suchen.

Und wir spüren: in Krisenzeiten werden die kleinen Lebenskreise wieder wichtiger. Menschen, die uns nahestehen. Mein persönliches Umfeld. Kraftorte sind eben nicht allein die Politik, die Wirtschaft, die Weltgesundheit. Kraftorte sind dort, wo Menschen sich gegenseitig Halt geben und stützen.

Damit wir uns in diesen Monaten sicher fühlen, brauchen wir „kleine Lebenskreise“: Das sind Familie, Freunde, Nachbarschaft, Aufgaben, Vereine, Kirchengemeinde. Orte, an denen wir uns wohl und sicher fühlen. Auch: Das Lieblingsrestaurant, der Supermarkt um die Ecke und die alte Kirche nebenan. Mit dem Gottesdienst, der stattfindet, auch wenn ich vielleicht nicht teilnehme. Dort wird ein Gebet für mich gesprochen. Ich lese darüber im Gemeindebrief, der ins Haus kommt. Und erfahre von Glaube, Hoffnung, Liebe - auch in Zeiten von Corona.

Jetzt ist die Zeit der kleinen Lebenskreise. Mein Wunsch ist, dass dies kein „Rückzug ins Private“ ist – mit Streamingdiensten und Essenslieferdiensten. Kleine Lebenskreise ermöglichen vielmehr Beheimatung, an der am Ende vielleicht die Erkenntnis steht: Wir können uns aufeinander verlassen. Wir können einfacher leben. Wir können klimafreundlicher den Sommer verbringen. Wir können zu Hause und in der Nähe viel entdecken. Wir stehen das zusammen durch.

Auch dies könnte eine Erfahrung dieser Zeit sein: Wenn die großen Lebenskreise eingeschränkt sind, schaue ich auf die kleinen Lebenskreise. Und entdecke vielleicht sogar die Quelle, die nicht von dieser Welt ist und ohne die unsere Welt doch nicht auskommt: Den Glauben.