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Foto: Yvonne Guschke-Weinert

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Das Gewissen: Flüsterstimme und Gebotstafel

15. April 2021

Im April vor 500 Jahren schuf Martin Luther das Wort „Gewissen“

Ein Blick auf den Reichstag zu Worms im Jahr 1521 und seine Folgen
von Jan von Lingen

Das Gewissen meldet sich überraschend. Es steht unangemeldet vor der Tür, wenn da jemand klingelt und um Hilfe bittet. Was tun? Das Gewissen schaut mir täglich über die Schulter: Bei der Steuererklärung könnte ich die eine oder andere Auskunft unter den Tisch fallen lassen und beim Wechselgeld übersehen, dass ich zu viel zurückbekam. Und: Darf ich krank in den Zug steigen, auch wenn ich andere anstecken könnte? Zu diesen kleinen alltäglichen "Gewissensbissen" gesellen sich große Versuchungen wie die heimliche Affäre oder der berufliche Vorteil auf Kosten eines Kollegen. Manchmal spielt das Gewissen wirklich "Engelchen und Teufelchen" mit uns. Auf der einen Seite flüstert uns "ein Engel" etwas Gutes ins Ohr, auf der anderen Seite verführt uns "der Teufel" zu etwas Bösen. Und wir? Sind hin und her gerissen...

Engelchen und Teufelchen?

Engelchen und Teufelchen -  kann man das Gewissen so malen? Welche Bilder habe ich vom Gewissen? Vielleicht braucht das Gewissen keine innere Flüsterstimme, sondern handfeste Gebote. Und schon habe ich ein anderes Gewissens-Bild vor Augen: Ich sehe Mose, der zwei gewichtige Steintafeln vom Gottesberg Sinai herab trägt. Plötzlich wird Mose zum personifizierten Gewissen mit einem zehnfachen "Du sollst... (den Feiertag heiligen, Vater und Mutter ehren)", bzw. "Du sollst nicht... (töten, ehebrechen, stehlen)."

Der Philosoph Immanuel Kant hätte sicher ein anderes Bild gewählt. Der nannte das Gewissen nämlich einen "inneren Gerichtshof". Und da kritzelt mein innerer Zeichenstift ein anderes Bild: Ich bin ein armer Angeklagter, der von einem hohen Gewissens-Gericht freigesprochen oder verdonnert wird.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche widersprach vehement: Für ihn war das schlechte Gewissen eine tiefe Erkrankung, die zu einer "Sklavenmoral" führt. Und schon ist das Gewissen ein Gefängnis - und der Mensch sitzt hinter Gittern.  Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, sah das wiederum anders. Er sprach vom sogenannten "Über-Ich". Dort verinnerlichen wir die Ermahnungen von Autoritätspersonen. Ist das Gewissen also ein innerer Lehrer mit Zeigestock oder die Stimme der Mutter, die uns ermahnt? Es ist gar nicht so einfach, das Gewissen richtig zu fassen, geschweige denn passende Bilder zu finden.

Vor 500 Jahren "erfindet" Martin Luther das Gewissen
Im April vor 500 Jahren wurde das Gewissen, wie wir es heute nennen, sozusagen „erfunden“. Martin Luther musste im Jahr 1521 vor Kaiser und Fürsten auf dem Reichstag zu Worms erscheinen. Bei den Verhandlungen sollte er seine Lehre widerrufen, doch er lehnte mit den Worten ab: "Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen." Daraufhin verhängt der Kaiser über den aufsässigen Mönch die Reichsacht. Luther wird für vogelfrei erklärt. Eine Gewissensentscheidung mit Konsequenzen. 
Martin Luther wird damit gewissermaßen zum "Erfinder" des Gewissens. Denn der Begriff ist seine Wortschöpfung. Bei der Übersetzung des Neuen Testaments setzt er das Wort "Gewissen" erstmals ein. Er leitet es von dem griechischen Wort "syneidēsis" (lateinisch: "conscientia") her: Das bedeutet wörtlich übersetzt "Mit-Wissen".  30 Mal wird das Wort "Gewissen" in Luthers Übersetzung des Neuen Testaments genannt. Das "reine Gewissen" kommt ebenso vor wie das verhärtete Gewissen.

Luther versteht dieses aber nicht als übermächtigen Richter, sondern lediglich als Zeugen:  Als "Mitwisser" erinnert uns das Gewissen an die zehn Gebote und das Gebot der Nächstenliebe. Wenn der Mensch auf Gottes Wort "antwortet", entsteht "Ver-Antwort-ung".  Völlig unverständlich ist leider, dass sich Martin Luthers Gewissen nicht gemeldet hat, als er in seinen letzten Lebensjahren "wider die Juden" wetterte. Sein Judenhass ist eine dunkle Seite der Reformation.

Das Gewissen: Ein Kompass für die Himmels-Richtung

Für mich ist das Gewissen wie ein Kompass. Einen Kompass lege ich auf eine Landkarte, die Nadel richtet sich ohne mein Zutun nach Norden aus. So kann ich die Richtung und die Marschroute bestimmen. Wir brauchen Orte außerhalb unserer Selbst, die uns die Richtung weisen. Ohne religiöse Gebote und ohne ethische Haltungen fehlt der Welt die Orientierung. Darum brauchen wir das Gewissen. Es weist uns die "Himmels"-Richtung - und manchmal bläst es uns den Marsch.