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Foto: Jan von Lingen

Foto: Yvonne Guschke-Weinert

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Kindergottesdienst

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Foto: Jan von Lingen

„Menschen, Natur, Glück“ – Jan und Fannie pilgerten 1200 Kilometer

07. Oktober 2021
"Wir sind Pilger", stellte sich das junge Paar vor und überraschte Stephanie und Jan von Lingen. Die Superintendenten erfuhren: N ortheim liegt am "Via Scandinavica", ein em "Zubring er" zum Ja- kobsweg. Foto privat

Die „Via Scandinavica“ führte zwei Pilger durch den Kirchenkreis

Von Mareike Spillner

Kirchenkreis. „Die Pilger sind keine Wanderer, die die Gegend erkunden oder die Nähe der Natur suchen. Pilger suchen nach Erkenntnis. Pilgern bedeutet einer Sache auf den Grund zu gehen und die Verbindung zu allen Sinnen herzustellen.“ Dieser Meinung ist Jan Dennis Brüning aus Ludwigswinkel, der zusammen mit seiner franko-kanadischen Frau Fannie im Jahr 2017 die zweite Pilgertour seines Lebens unternahm. Die beiden hatten sich 2014 in Spanien auf dem Jakobsweg kennengelernt und 2017 in seiner Heimat Menslage bei Osnabrück geheiratet. Als Hochzeitsreise war eine Pilgertour naheliegend: So ging es 2017 einmal quer durch Deutschland. Von Flensburg im Norden bis Koblenz am Bodensee im Süden – 1200 Kilometer in acht Wochen, mit Zwischenstation in Northeim. Vier Jahre liegt ihre Reise inzwischen zurück.

Die stärksten Eindrücke wurden geprägt von der Vielfältigkeit dieses doch relativ kleinen Landes. Vom flachen Norden über Heide- und Ackerland, an roten Backsteinen vorbei, weiter durch die Hügellandschaft und über das grüne Band  –  die Grenze die Europa einst trennte, an Kirchen, Burgen, Schlössern, Höfen vorbei, durch idyllische Dörfer und barocke Städte bis schließlich an den Fuß der Alpen, wo der Blick über den Bodensatz verweilen durfte –Monumente sehen und erleben wie die Wartburg in Eisenach, der Dom in Fulda und vieles mehr – der Geschichte, der Sprache, der Kultur dieses mannigfachen Landes so nahe zu sein und ein Abbild der unmittelbaren Realität zu erhalten, welches seine eigene Wahrheit in sich birgt. Bei ihrer Tour durchquerten sie auch den Kirchenkreis Leine-Solling in Northeim.
„An einem Sonntagnachmittag da klingelte es in unserer Superintendentur und zwei junge Leute fragten, ob sie einen Stempel bekommen könnten“, erzählt Superintendent Jan von Lingen. Klar! „Wir sind Pilger", stellte sich das junge Paar vor. Pilger? Antwort: Pilger auf dem Jakobsweg. Pilger auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela... „Sie können sich vorstellen, meine Frau und ich waren etwas überrascht. Das wussten wir nicht. Wir kennen in unserem Kirchenkreis viele verlässliche geöffnete Kirchen – mit einem Signet der geöffneten Türen – und haben auch eine erste Fahrradpilgerkirche: St. Magnus-Kirche in Lüthorst liegt in Anbindung am Europaradweg R1. Aber jetzt soll unser Kirchenkreis am Jakobspilgerweg liegen?“, blickt Jan von Lingen zurück.
Doch ja, sollte er. Nämlich an dem Pilgerweg „Via Scandinavica“, dem deutschen Teil, oder eher gesagt einer Art „Zubringer“ des Jacobsweges. Er erzählt weiter: „Wir stempelten die Pilgerbücher und luden die beiden, um das zu klären, zu Kaffee und Kuchen ein, denn der stand gerade auf dem Tisch. Und wir erfuhren: Es gibt in Deutschland einen markierten Weg, der Richtung Spanien führt. Ein Buch und eine Internetseite zeigen den Weg. Die beiden waren ihn in Flensburg gestartet und wollten nach Konstanz zum Bodensee. Alles zu Fuß. Wir staunten und hörten die Frage: Wo ist denn in Northeim eine Pilgerherberge?“ Ausnahmsweise wurde der Sitzungsraum zum Pilgerort, zur Überraschung unserer Ephoralsekretärin, die am Montagmorgen ein Bettenlager vorfand.
Auch Jan Dennis Brüning erinnert sich gerne an diese Station der Reise zurück. Er sagt heute: „Als wir damals vor Ort waren, gab es viel Regen und wir waren sehr darauf fokussiert voranzukommen. Wir haben das Leinebergland aber in guter Erinnerung behalten. Es ist eine schöne Region und es gab viele Menschen, die unsere Sache unterstützt haben, uns Segen und Obhut gaben. Darunter auch Stephanie und Jan von Lingen, die uns herzlich aufgenommen haben – sowie ihr Sohn, der uns in Göttingen am Folgetag einen Schlafplatz im Studentenwohnheim ermöglichte.“ Inzwischen hat die Kirchengemeinde Langenholtensen in Wiebrechtshausen für Pilger auf der Via Scandinavica einen Wohnwagen aufgestellt.
1200 Kilometer sind die beiden Pilger bei dieser Tour durch Deutschland im Jahr 2017 insgesamt gelaufen, von Freiburg im Norden nach Konstanz am Bodensee – über Northeim. Was dabei besonders schöne Erlebnisse waren? „Die Begegnungen mit den Menschen, aber auch die Einsicht und das Verständnis über Deutschland. Einsicht über die wahren örtlichen Umstände wie zum Beispiel die Landschaft und ihr Wesen. Verständnis über die lokalen und regionalen Gegebenheiten wie zum Beispiel Bräuche und Dialekte. Besonders schön – waren die schicksalhaften Begegnungen, die Zufälle, die sich ergeben, wenn man es zulässt – und vor allem die Güte und Fürsorge der Menschen, die einem selbstlos die helfende Hand reichen, sobald sie den Kern der Sache erfassen“, findet Jan Dennis Brüning.

Er verrät, dass das Pilgern für seine Frau und ihn mehr als eine Leidenschaft geworden ist. Es sei ein kleines Universum, in dem sie sich selbst und auch andere Menschen neu entdecken, begegnen, erleben würden. Und das im Zusammenhang mit Werten und kausalen Abfolgen, wie wir sie aus unserem alltäglichen und gesellschaftlichen Leben kaum noch kennen.

Er beschreibt: „Auf dem Jakobsweg kann man einfach (und) Mensch sein – und über diese Erde wandeln – mit allen Sinnen, ungetrübt und wahr(haftig).“ Und diese Tour halle noch immer nach: „All die Eindrücke, die Menschen, die Natur, das Glück und auch das Leid.“

Denn Pilgern sei nicht immer schmerzfrei, besonders zum Ende des Tages hin werde es schnell eng in den Schuhen und auch die Schultern ließen nach. Was die beiden wohl am meisten in Erinnerung behalten werden, sei Folgendes: „Die Tatsache, dass der Mensch dir helfen wird, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt. Und noch viel mehr: Es gibt immer einen Weg, wenn wir gemeinsam und aufrichtig und ehrlich unsere Ziele verfolgen. Und der Glaube wird uns dabei helfen – egal welcher.“

Inzwischen haben Jan Dennis Brüning und seine Frau Fannie drei große Pilgerreisen hinter sich: nach dem Jakobsweg in Spanien, noch jeder für sich, und Deutschland, nun schon zu zweit, folgte schließlich eine Pilgerreise zu dritt durch Frankreich, mit ihrer kleinen Tochter im Gepäck. Jan Dennis Brüning beschreibt diese Erfahrungen wie folgt: „Jeder, der mal gepilgert ist, weiß, dass unser Leben eine Pilgerreise ist. Und es macht einen großen Unterschied, ob wir zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto unterwegs sind. Warum wir damals oder immerfort das Pilgern in seiner ursprünglichen Form, also zu Fuß, präferieren?