Vogelbeck

Foto: Jan von Lingen

Foto: Yvonne Guschke-Weinert

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Kindergottesdienst

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Pastor-kreuzt

Foto: Jan von Lingen

Am Anfang ist Menschlichkeit…

11. November 2021

Gedanken zum Martinstag am 11. November von Petra Lorenz,
Vorsitzende der Kirchenkreissynode des Kirchenkreises Leine-Solling


Kirchenkreis. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Das sagt Jesus in seinem Gleichnis vom großen Weltgericht. Das ist das Schlüsselwort, um an Martin von Tours zu erinnern. Er ist einer der wenigen katholischen Heiligen, die in der evangelischen Kirche stets eine besondere Wertschätzung behalten haben.

Über die Kirchenmauern hinaus gibt es bis heute viel Brauchtum, das sich mit diesem Tag verbindet. An vielen Orten werden Martinszüge veranstaltet. Den ersten Martinsgänsen geht es an den Kragen und an einigen Orten beginnt am 11.11. um 11.11 Uhr die Karnevalssaison. Früher  ̶  auch das zeigt die Bedeutung dieses Tages  ̶  endete am 11. November das Landwirtschaftliche Arbeitsjahr draußen und die Arbeit bei künstlichem Licht im Haus begann. Es war der Tag, an dem die Knechte und Mägde ausbezahlt wurden und ihre Anstellung wechselten.

Uns allen ist seit unserer Kindheit vertraut, was den Heiligen Martin so bekannt, wir könnten auch sagen, so „heilig“ gemacht hat. Martin war römischer Soldat und ungefähr achtzehn Jahre alt, erzählt uns die Legende, als er an einem eisigen Tag auf einen Bettler stieß, der fast unbekleidet, kraftlos und dem Erfrieren nahe am Wegrand kauerte.
Es wäre für Martin ein Leichtes gewesen, diese erbärmliche Gestalt zu übersehen und hoch zu Ross vorüberzureiten. Bettler gab es zuhauf. Und Menschenleben zählten nicht viel in jener Zeit. Doch es geschah etwas Ungewöhnliches: Martin hielt sein Pferd an, öffnete den weiten Umhang, in den er sich eingehüllt hatte, und zerteilte ihn mit seinem Schwert in zwei Stücke. Die eine Hälfte legte er dem Bettler um die Schultern, die andere behielt er für sich.

Ein Zusammentreffen von wenigen Augenblicken war das nur. Aber in der Nacht darauf hatte Martin einen Traum: Christus begegnete ihm; er sah aus wie jener Bettler am Wegrand, mit dem er den Mantel geteilt hatte. Und Martin hörte die Stimme Christi: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“

Dass die Geschichte des Heiligen Martin später weiterging und er es bis zum Bischof brachte, muss uns nicht weiter beschäftigen. Am Martinstag geht es um den Anfang, wie es sich damals draußen vor dem Stadttor von Amiens zugetragen hatte. Eine einfache Geste war es nur. Den Umhang ausgespannt und mit einem einzigen Streich durchteilt. Eine einfache Geste   ̶   und doch eine große Geste! Nichts ist leichter für einen erprobten Waffenträger, als ein Schwert zu führen, nichts aber ist schwerer, als damit Gutes zu tun.

Unmittelbar angerührt von der Not, die ihm ins Auge sprang, tat Martin etwas Hilfreiches, ohne lange die Folgen abzuwägen. Er vertröstete den Bettler nicht auf die nahegelegene Stadt, in der es Hospitäler und Armenfürsorge gäbe, verwies auch nicht auf die Kälte, der er selbst ausgesetzt sei, würde er seinen Mantel abgeben, sondern er handelte, wie es ihm spontan und unabweisbar geboten schien: Er zeigte Menschlichkeit. Und die zu zeigen, ist manchmal ganz einfach.

Das macht den Heiligen Martin für mich zu einem wahrhaft „ökumenischen Heiligen“   ̶   selbst über die christlichen Kirchen hinaus. In ihm können wir uns alle wiederentdecken, ob wir der Kirche verbunden sind oder ihr fernstehen. Denn es geht um Menschlichkeit, die keine langen Begründungen braucht, sondern die tut, was die schlimmste Not abwendet. Mehr ist nicht gefordert. Aber das macht einfache Gesten zu großen Gesten!

Auch uns begegnet Armut, wenn wir nur die Augen recht öffnen: offene oder versteckte Armut in einem der reichsten Länder der Welt   ̶   immer mehr. Gut ist es, wenn wir bei all unserem Handeln bedenken, das uns in jedem Menschen, der uns anspricht und unsere Hilfe braucht, Christus selbst begegnen könnte: Vor der Haustür, auf den Plätzen der kleinen und großen Städte, in den Bildern von Flüchtlingen, die sich vor dem Krieg in Syrien oder der Situation in Afghanistan in Sicherheit bringen wollen.

Aber die Entdeckung, dass es Christus ist, steht nicht am Anfang. Am Anfang ist Menschlichkeit, um der Menschen willen gefragt   ̶   damals wie heute. Mehr nicht. Aber das ist schon viel.


ZUR PERSON
Petra Lorenz ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und ein Enkelkind und ist Versicherungsfachangestellte in einer Versicherungsagentur
 
Mitarbeiterin in der Kirchengemeinde Apostel seit 1990 in der Kinder- und Jugendarbeit (Kindergottesdienst, Kinderbibelwochen, Jugendbeirat)
Mitglied im Kirchenvorstand der Apostelgemeinde Northeim-Süd seit 2000
Vorsitzende des Kirchenvorstands der Apostelgemeinde Northeim seit 2006
Vorsitzende Verbandsvorstand des Gemeindeverbands Northeim-Süd seit 2007
Vorsitzende Kirchenkreissynode des Kirchenkreises Leine-Solling seit 2019