Kunstwerk entstand 1494 nach einem ungewöhnlich kalten Winter
von Bernhard Keller
Mitten im fruchtbaren Ackerland zwischen Leine und Solling liegt die Kirche von Hevensen. Schon das Gebäude ist ein kleines Prachtstück ländlicher Kirchenarchitektur. Zusätzlich beherbergt sie an zentraler, geistlicher Stelle eine Besonderheit. Die Weihnachtsgeschichte, die Geburt Jesu, wird in einem Bild erzählt in ganz besonderer Umgebung. Die Landschaft ist weiß verschneit. Bilder von „Weihnachten im Schnee“ sind nördlich der Alpen eine wirklich außergewöhnliche Darstellung der Geschichte der Heiligen Nacht. Darauf hat im Weihnachtsbrief 2022 der Kirchenkreis Leine-Solling hingewiesen. Hier soll auf den Anlass für die Motivwahl eingegangen werden.
Warum ist um die Weihnachtsszene im Stall eine gewaltige Winterlandschaft gemalt? Grundsätzlich haben Maler in dieser Zeit Landschaften dargestellt, die ihren Auftraggebern bekannt waren. Albrecht Dürer malt für den Nürnberger Rat oder für Nürnberger Geldgeber biblische Szenen in fränkischer Landschaft.
Die Berge um den „Hevenser Stall“ sind da eher vulkanisch, eruptive Fantasiegebilde, keine Harzberge mit rund geschliffenen Kuppen wie dem Brocken oder den zahlreichen so genannten Klippen, schon gar keine Sollingberge oder Göttinger Wald. Im Mittelgrund stehen winterlich kahle Kopfweiden - dieser Anblick in der Region immerhin gut bekannt bis heute - am eisig blaugrauen Wasser.
Die abweisend monumentalen, übersteilen Bergwände finden ihre Fortsetzung in den schützenden Stadtmauern, gegliedert in Abschnitte zwischen Türmen mit spitzen Hüten, alles schneebedeckt außer den rotbraunen oder braunolivfarbenen, vereinzelt schwarzgrauen Wänden. Auch dieses Stadtbild entspricht dem, was die Betrachter kennen, aus eigener Beobachtung der „Natur“ vor Göttingen, Northeim, Hardegsen. Die Farbe des Wassers findet ihre Entsprechung in der Farbe des Himmels: dunkles Blau, Grau, weiße „Schlieren“ hineingeweht. Unbehaust. Feindselig.
Davon berichtet auch die Sendereihe „Zeitzeichen“. Der Westdeutsche Rundfunk hat die Sendung mit dem Titel „Die Flaschenpost des Kolumbus“ im Jahr 1988 veröffentlicht. Nicht die so genannte Entdeckung Amerikas 1492, sondern die Schrecken der Rückreise der Entdecker“schiffchen“ stehen im Mittelpunkt. Denn im Februar 1493 litt Westeuropa unter einem außergewöhnlich kalten Winter. Der Hafen der Mittelmeerstadt Genua war zugefroren. Zeitzeugen schreiben von marodierenden Wolfsrudeln, rufen „Gnade Gott, den armen Seefahrern auf den Meeren!“. Dieser Winter, genau dieser Februar sah die Heimkehr von Flottenkommandeur Kolumbus und seinen Männern. Kolumbus hat auf See nicht mehr weit vor den Azoren im Sturm ein Testament geschrieben, dies in einem kleinen Fass versiegelt und über Bord geworfen.
Wir ahnen im aktuellen Winter, den wir in Deutschland mehr oder weniger unbeschadet überstehen, den aber trotzdem viele buchstäblich satthaben, warum das Hevenser Altarbild die Geburt Jesu in so bitterer Winterlandschaft erzählt. Bei allen Bemühungen durch ernstes Gebet wie bei Maria, durch Wärmen der Hände an hell loderndem Feuer wie bei den Hirten: Schutzlos liegt der kindlich klein gemalte Jesus, nackt in einem Tüchlein auf Marias prächtig blauem Gewand - aber in nächster Nähe zum feindlich grauen und weiß leuchtenden Schnee, der verharscht bis ganz nahe an den Kopf reicht.
Die Betrachter haben den Winter 1492/1493 überlebt. Aber sie haben seinen Schrecken noch vor Augen, fürchten den nächsten; gebannt betrachten sie seine Zeichen – auch im weihnachtlichen Geburtsbild in Hevensen, das ein Jahr nach jenem ungewöhnlich kalten Winter gemalt wurde: Eiszapfen am Stalldach, Weg und Steg gefroren, in frostigen Farben.
DER AUTOR
Der Autor Bernhard Keller ist Student der Göttinger UDL (Universität des Dritten Lebensalters). Er schreibt über sich: „Im Jahr 1994 lebte ich in Hevensen. An der Jubiläumsfeier "500 Jahre Altar zu Hevensen" nahm ich mit einem Vortrag teil; mein Bruder erstellte ehrenamtlich Fotografien der Altarbilder, aus denen Postkarten erstellt wurden. Wegen der außergewöhnlichen Wahl einer "Geburt Jesu in Winterlandschaft" nahm ich mir vor, mich nach der Berufstätigkeit in Göttingen mit Kunstgeschichte zu beschäftigen. Mittlerweile ist die "Universität des Dritten Lebensalters" eine feste Einrichtung für studierende Ältere. Wie für mich bestellt findet im laufenden Semester das Seminar "Altdeutsche Malerei bis einschließlich Albrecht Dürer" statt, an der ich teilnehme. Meine Studien zum Altar in Hevensen nehmen Fahrt auf.“
INFO
Das Winterbild aus Hevensen: Eine nordische Winterweihnacht
Mit viel Fantasie und Einfühlung hat der Northeimer Maler Hans von Geismar dieses Bild gestaltet. Der Renaissance-Meister der Dürer-Zeit wollte die Weihnachtsgeschichte so nah wie möglich in seiner Welt verankern. Sein Werk aus dem Jahr 1494 stellt den Stall von Bethlehem darum mitten hinein ins Mittelalter. Nördlich der Alpen gebe es, so der Kunsthistoriker Bernhard Keller, lediglich drei vorhandene Darstellungen, die die Geburtsszene in eine Winterlandschaft verlegen.
Die Künstlerwerkstatt von Hans von Geismar, dessen Vorfahren aus Göttingen stammen, wird in Northeim vermutet. Er ist als „mündiger Bürger Northeims“ in den Archiven dokumentiert. Auch die Altäre der Johanniskirche in Uslar, der Jacobi-Kirche in Einbeck (jetzt im Landesmuseum Hannover) und der Albanikirche in Göttingen hat er geschaffen.
Der geöffnete Altar in Hevensen zeigt – wie die anderen Altäre - Figuren der Kreuzigung. Die Überraschung findet sich auf den verborgenen Rückseiten der Seitenflügel: Diese kommen nur zum Vorschein, wenn der Altar geschlossen wird. Dann erscheinen auf beiden Flügeln vier farbenprächtige Weihnachtsbilder, unter ihnen die Verkündigung durch den Engel, die Anbetung der Könige, der Kindermord von Bethlehem - und diese winterliche Krippendarstellung. - Keine andere Kirche im Kirchenkreis Leine-Solling – und weit darüber hinaus - gibt der Weihnachtsgeschichte so viel Raum.