Wohnzimmerkirche unter dem Motto: "Gib mir was Echtes“
Moringen. Es habe ein bisschen gedauert, aber nach einigen Stunden hingen dann wirklich vier 15-Meter-lange Lichterketten im luftigen Raum der Liebfrauenkirche, aufgefädelt auf einem Stahlseil und durch die Seilwinde, an der sonst der Weihnachtsstern baumelt, in die Höhe des Raumes gehoben. Martin Kratochwill und Jan Höffker, beide Pastoren mit Stellenanteil für das Arbeitsfeld ‚Junge Kirche‘, waren erkennbar zufrieden mit der Ausgestaltung der Liebfrauenkirche. Das Bunt der Lichterketten machte etwas mit dem Raum. Nun noch kleine Sitzecken – mit einem Tischchen aus Spannplatte und Getränkekiste und ein fulminantes Cocktail-Buffet – und der Abend der Wohnzimmerkirche konnte beginnen.
Den Auftakt machte Jan Höffker, der in das Programm der Wohnzimmerkirche einführte, die immer ein Thema hat. Dieses Mal lautete dies: "Gib mir was Echtes“, eine Zeile aus einem gleichlautenden Lied von Clueso. Dies sei der Ausruf einer Sehnsucht, die die Werbeindustrie über Jahrzehnte für ihr Zwecke benutzte, wie Höffker – karikierend – an einigen Beispielen aufzeigte. Ein unterhaltsamer Beginn, der in der Vorstellung von Cluesos Song "Gib mir was Echtes" mündete, routiniert vorgetragen von der Wohnzimmerkirchen-Band, bestehend aus Tobias Below am Piano, Jan-Christoph Theiß am Bass und Sven-Eric Bösenberg an der Gitarre und Lucas Below am Schlagzeug; komplettiert durch Martin Kratochwill an der Gitarre.
Die von der Werbung beobachtete wie befeuerte 'Sehnsucht nach etwas Echtem‘, so Höffker und Kratochwill weiter, führe nun dazu, dass – umgekehrt – das Leben, wie viele es führen, als ‚unecht‘ erlebt werde. Bei allem Glück, bei allem materiellen Erfolg bleibe manchmal das Gefühl zurück: „Etwas fehlt. Es muss doch mehr als alles geben.“ Stimmig schloss sich hier Herbert Grönemeyers "Land unter" an. Von der Band so vorgetragen, dass alle Besucherinnen und Besucher lauthals einstimmen konnten: "Geleite mich heim, raue Endlosigkeit - bist zu lange fort“. Martin Kratochwill führt dieses Gefühl noch einmal mit seiner E-Gitarren-Meditation mit Klängen, die man mit einer E-Gitarre so nicht assoziiert, in die Tiefe – sehr berührend.
In der Wohnzimmerkirche ist immer auch Raum zur Beteiligung, die "Aktionsphase". Neben der Möglichkeit, sich weiter mit Cocktails und Laugengebäck auszustatten, konnte man nun auch Impulsfragen aus dem Frag-o-Mat, einem umfunktionierten Kaugummi-Automat, ziehen: Es ist die Deeptalk-Runde, die dann nach einiger Zeit wieder von der Moringer Sängerin Luise mit „Fallen" von der Band Jeremias wundervoll ausgeleitet wurde.
Über Rollen-Erwartungen anderer, über Siebträgermaschinen und Rennräder als Kompensation des Gefühls, im Leben mit all seinen Notwendigkeiten unterzugehen, arbeiteten Kratochwill und Höffker sich immer weiter vor, bis sie beim „Evangelisten eines Lebens der Authentizität“ angelangt waren: Udo Lindenberg. Mit seinem Hit „Mach mein Ding“ wurden nochmal alle laut und sangen mit, ehe dann Höffker und Kratochwill alle unter einem Segen, der von Mut und Gelassenheit erzählte, in den Abend entließen. Natürlich nach dem Schlussstück, nämlich "Dieses Leben" von Clueso.
„Für mich war es ein runder Abend, der nicht lang wurde, weil immer so viel Wechsel war; ich mich immer auch mal kurz mit meiner Freundin austauschen konnte. Das war schön“, so eine der Gäste dieses Abends in der Wohnzimmerkirche in Moringen. Die nächste Wohnzimmerkirche wird am 26. September sein.