Was sich heute ändern muss
Hilwartshausen. Erst lag die St.-Cyriakus-Kirche nahezu im Dunkeln, später erstrahlte sie im Licht – und schließlich wurden eigene Thesen neben der Kirchentür angeschlagen. Mit einem besonderen Gottesdienst feierte die Kirchenregion Dassel am Freitag, 30. Oktober, den Vorabend des Reformationstages. Trotz des späten Beginns um 21 Uhr kamen etliche Besucher zusammen. Unter dem Thema „Reformation im Dunkeln“ verband der Abend die Erinnerung an Martin Luther mit der Frage, wo heute Veränderung nötig ist.
Die ungewöhnliche Anfangszeit gehörte zum Konzept: Ein Ruf nach Art eines Nachtwächters versetzte die Gemeinde in das Jahr 1517. Luthers Abendsegen, gesprochen aus dem Hintergrund, und Momente der Stille prägten den Auftakt. Beim Eintreten erhielten die Besucher Kerzen, die im Verlauf des Gottesdienstes entzündet wurden. So wurde das zunehmende Licht zum roten Faden des Abends – sichtbar im Kirchenraum und zugleich als Bild für die befreiende Botschaft der Reformation.
Anschaulich wurde diese Entwicklung in einem szenischen Gespräch zwischen Maria und Martha. Die beiden Figuren, dargestellt durch die Prädikantinnen Susanne Hornung und Marina Falke, berichteten von mühsamer Arbeit, knappem Geld und dem Kauf von Ablassbriefen. Ihre Sorge um verstorbene Angehörige und um das eigene Seelenheil machte die Ängste deutlich, denen der Gottesdienst Luthers Entdeckung eines gnädigen Gottes gegenüberstellte. Fünf weitere Stimmen aus verschiedenen Ecken des Kirchraums brachten biblische Worte und reformatorische Gedanken in das Gespräch ein: Gnade und Erlösung, so die zentrale Botschaft, lassen sich nicht kaufen.
Mit dieser Botschaft wurde auch die Kirche nach und nach heller. Auf die Kerzen folgte Licht im Altarraum bis zur gewohnten vollen Beleuchtung. Orgelmusik und gemeinsam gesungene Lutherlieder, begleiteten den Weg aus dem Dunkel. Die Lichtgestaltung war damit mehr als eine stimmungsvolle Kulisse: Sie machte den Übergang von Angst zu Vertrauen zum Thema des ganzen Raumes.
Ein weiterer Nachtwächterruf holte die Gemeinde zurück in das Jahr 2026. Es folgte eine Vesperpause, die Raum für Essen und Gemeinschaft bot und an die Tischgemeinschaft im Hause Luther anknüpfte. In der anschließenden Dialogpredigt wurden die vier reformatorischen Grundgedanken erläutert: allein aus Gnade, allein durch Glauben, allein durch die Schrift und allein Christus. Dabei blieb es nicht bei einer Rückschau. Der Glaube wurde als Ermutigung beschrieben, aus Dankbarkeit selbst tätig zu werden und Verantwortung zu übernehmen.
Auch die Fürbitten schlugen die Brücke in die Gegenwart. Sie nahmen Sorgen um die Zukunft, um Gewalt und den Umgang miteinander auf und baten um Mut, für Frieden und eigene Überzeugungen einzustehen. Ebenso gehörten das ökumenische Miteinander und das Engagement für Kirchengemeinden, Vereine und Gemeinwohl dazu. Reformation wurde so nicht allein als historisches Ereignis verstanden, sondern als Aufgabe, Kirche und Zusammenleben immer wieder zu erneuern.
Zum Abschluss wurde dieser Gedanke ganz konkret: Die Besucher waren eingeladen, eigene Thesen aufzuschreiben und neben der Tür anzunageln. Was erwarten wir? Wo muss sich etwas ändern? Wofür sind wir dankbar? Diese Fragen rückten die persönliche Beteiligung in den Mittelpunkt. Nicht nur andere sollten etwas verändern – jeder und jede war angesprochen, selbst an der Kirche mitzugestalten. Mit dem Segen draußen endete ein Abend, der vom Dunkel ins Licht führte und den reformatorischen Gedanken der Erneuerung bis an die Hilwartshäuser Kirchentür trug.