Hast Du schon Danke gesagt?
Mein Patenkind sitzt selig, aber völlig erschöpft am Abendbrottisch. Heute ist sein 4. Geburtstag. Die Patentante als Überraschungsgast. So viele Geschenke. Das erste Mal ein richtiger Kindergeburtstag mit seinen Freunden. Als die Sonne endlich die Regenwolken vertrieben hat, gab es im Garten einen richtigen Feuerwehr-Trainingsparcour. Mit Kriechtunnel, Hüpfkissen und Wasserspritzen.
Doch nun zeigt sein Gesicht: Die Energiereserven sind aufgebraucht. Mit glasigen Augen spießt er die Pizza auf die Gabel. Doch plötzlich schreckt er hoch: „Aber wir müssen noch beten!“
So ist er es gewohnt. Seit vier Jahren, bei jedem Abendessen im Familienkreis. Ein Ritual, das gerade die größeren Brüder manchmal nervt. Besonders wenn der Hunger so groß ist. Das aber auch Struktur und Sicherheit schenkt. Und den Blick darauf, dass der reich gedeckte Tisch keine Selbstverständlichkeit ist.
Die Erntedankfeste in diesen Wochen sind nur noch für die wenigsten Menschen mit ihrer Arbeitswelt verknüpft. Dass alle Kartoffeln gerodet, das Korn gedroschen und der Mais gehäckselt sind, merken wir vermutlich nur auf der Landstraße: Der Blick schweift nun über weite Stoppelfelder und keine große Erntemaschine bremst mehr die eigene Hektik auf der Fahrbahn aus.
Gerade deshalb ist für mich aber die Tradition von Erntedank so wertvoll. Im Trubel des Alltags im ganzen Jahreslauf wird dieses Fest zur Erinnerungsstütze und lässt mich wie mein Patenkind aufschrecken: Hab ich eigentlich schon Danke gesagt?
Susanne Barth